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Immer der Sonne entgegen

Das „on the road“-Gefühl wie vor 30 Jahren wieder aufleben lassen, ungeplant losfahren und gucken, wo man landet. Nur die Himmelsrichtung steht fest. Herausgekommen ist eine unvergessliche Woche mit herzlichen Begegnungen, einer Portion Abenteuer und reichlich Inspiration für weitere Trips.

Wie einst Ende der 1980er Jahre wollte ich gemütlich und ohne festen Plan gen Süden fahren. Damals lenkte ich in einen grünen Renault 4 über die Landstraße bis nach Sevilla, heute startete ich mit einem 20 Jahre alten zum Camping-Van umgebauten roten VW-Transporter.

Von München aus nahm ich die Route über den Brenner nach Italien. Sobald ich die deutsch-österreichische Grenze passiert hatte und gen Innsbruck fuhr, machte sich mehr und mehr die Vorfreude breit, ich genoss den Weitblick aus meinem kleinen Bus und nahm jede Serpentine mit Schwung. Baustellen waren keine lästigen Hindernisse, ich nahm sie entspannt hin und passierte problemlos die Brenner-Autobahn. Welch ein Aufatmen: mit jedem Kilometer weiter nach Süden erstreckte sich die Landschaft des Alto Adige (Südtirol) mit ihren Weinreben, dem berühmten Apfelanbau und einer sich verändernden Architektur und Vegetation. Allein die Namen auf den Verkehrsschildern „Modena, Verona, Mailand“ ließen mein Herz höherschlagen. Jeder Cappuccino in der Bar am Straßenrand ein besonderer Genuss, einmal weil er schmeckt und weil das Schauspiel hinter und vor der Bar einzigartig ist, so laut, so temperamentvoll, mit so viel Humor. Oh ja, das sind die Momente, die man nach einem langen Winter im März endlich braucht, sagte ich mir.

Und Erinnerungen an damals tauchten unweigerlich auf. Zu erleben, wie sich Landschaft, Vegetation, Klima und Architektur mit den zurückgelegten Kilometern verändern, das hatte mich auch auf dem besagten Spanientrip, den ich als junger Student unternahm, fasziniert. Langsames erforschen und wahrnehmen der Regionen, darin lag und liegt der Schlüssel, um Land und Leute besser kennenzulernen. Besser wäre das Fahrrad, dachte ich, aber da fehlte mir für diese Reise die Zeit.

Am Abend des ersten Tages suchte ich oberhalb der ligurischen Küste bei Finale Ligure einen Platz zum Übernachten. Und fand ihn dank der Roadsurfer App auf einem Bio-Bauernhof. Doch die Auffahrt war so schmal und steil, dass ich leider passen musste und die Nacht am Ufer eines rauschenden Gebirgsbaches unweit eines kleinen Dorfes verbrachte. Etwas unheimlich war mir zumute bei Dunkelheit in einer völlig fremden Umgebung die Nacht zu verbringen. In der Ferne Hundegebell, das Wiehern eines Pferdes und alle paar Minuten rauschte ein PKW über die Gebirgsstraße, irgendwann schlief ich ein. Im Morgengrauen machte ich mich auf den Weg Richtung Küste und wunderte mich, wie hoch ich am Vorabend in die Seealpen vorgedrungen war. Sehr kurvenreich ging’s hinab – dabei genoss ich die spektakuläre Atmosphäre des beginnenden Tages in den noch verschlafenen Dörfern. Am Meer angekommen erhob sich gerade die Sonne am Horizont, mit einigen Joggern und Passanten mit Hund erlebte ich den Sonnenaufgang geradezu andächtig und intensiv, machte eine paar Fotos und schlenderte ins Zentrum auf der Suche nach einer geöffneten Bar. Unweit des Rathauses empfing mich das vertraute Rauschen der Espressomaschine. Zu dieser frühen Stunde um kurz nach 6 Uhr waren schon einige Frühaufsteher unterwegs. Man kennt sich, man begrüßt sich, man wünscht sich einen schönen Tag, man ist vertraut. Ein tägliches Ritual, an dem ich an diesem Morgen als Fremder zwar auffiel aber mich doch nicht ausgeschlossen fühlte. Irgendwie gehöre ich auch dazu. Selten hatten Cappuccino und Brioche so gut geschmeckt wie an jenem Märzmorgen in Finale.

Meine Route führte mich weiter oberhalb der Ligurischen Küste Richtung französische Grenze. Dabei reihte sich ein Tunnel an den anderen, dazwischen kurze Abschnitte, die den Blick von einer Brücke auf die atemberaubende Landschaft freigab. Auch wenn sich mancher forsche Autofahrer an meinem langsamen Tempo störte, spürte ich, wie mir dies völlig egal war, ich war in meinem Tempo unterwegs, das tat mir gut. Nach der Grenze erinnerte mich die Gegend an eine Parklandschaft, alles sehr gepflegt, Zypressen, Pinienhaine, Macchia, dazu großzügige Straßen und der Rhythmus des Verkehrs war deutlich entspannter.

Irgendwann hinter Cannes verließ ich die Hauptstraße und steuerte auf die Küstenstraße des Esterel zu. Ich wollte nach Saint Raphael, auch getrieben von einer vagen Erinnerung an meine erste Inter-Rail Tour in den 1970er Jahren. Nachts kam ich in einer größeren Gruppe Backpackern an der Cote d’Azur an und marschierte an den Strand des Ortes, wo wir übernachteten. Sehr bruchstückhaft war die Erinnerung, aber als kleiner Wegweiser taugte sie immer noch. So erinnerte ich mich noch an die markanten rotfarbigen Felsformationen des Esterel-Gebirges, und an die steil abfallenden Hänge zur Küste hin durchzogen von spektakulären Schluchten. Und genau das stand mir unmittelbar bevor: Hinter den Théoule sur Mer entfaltete die Route de Calanque, jene Küstenstraße, ihre ganze Schönheit. Sie schlängelte sich unterhalb der vulkanischen Bergkette entlang und bildete einen einmaligen Kontrast zum blauen aufgewühlten Mittelmeer, dessen Wellen sich an den hervorstehenden Felsen brachen. Kaum konnte ich den Blick davonlassen, doch die enge Straße erforderte meine ganze Aufmerksamkeit. Ab und an gab es kleine Haltebuchten, an denen ich pausierte und die Pracht der Küste auf mich einwirken zu lassen.  Nur vereinzelt waren Touristen unterwegs, hier und da gab es freundliche Begegnungen mit Menschen aus verschiedenen Regionen Europas. So wie damals auf meiner legendären Tour gen Sevilla als das Reisen noch Überraschungen bot. Die Gespräche in den Bars, auf den Plätzen kleiner Ortschaften oder am Abend in einer Pension werden mir immer im Gedächtnis bleiben, daran dachte ich, als ich gen Horizont blickte und das Getöse des Meeres mich in eine meditativ-träumerische Stimmung beförderte.

Museum und botanischer Garten in einem

Auf meinen weiteren Weg erschien nach jeder weiteren Kurve eine nicht enden wollende Kulisse traumhaft schöner Küstenabschnitte, vorbei am ViaduktvonAnthéor, jenem Eisenbahnviadukt auf der Bahnstrecke zwischen Marseille und Ventimiglia, das eindrucksvoll das Tal des Baches Anthéor unmittelbar vor dessen Mündung ins Mittelmeer überspannt. Auch vorbei am Jardin de Louis Valtat, ein Garten, der dem gleichnamigen berühmten französischen Maler gewidmet ist. Eine Art botanischer Garten, von dem eine besondere Magie ausgeht. Hier und da sind ausgewählte Gemälde mit Verweisen und Erklärungen zum Leben und Schaffen des Malers zu sehen. Ein bisschen wie im Museum und dabei immer das Meer im Blick.

Gar nicht weit entfernt von jenem Jardin, entdeckte ich ein Schild, das auf einen Campingplatz hinwies. Kurzerhand bog ich ab und – erleichtert, dass um diese frühe Jahreszeit geöffnet ist – betrat ich die Rezeption. Ein Platz direkt am Meer, ja den hätte sie noch frei, erklärte sie mir in französisch. Langsam purzelten die französischen Wörter wieder aus mir heraus und ich antwortete immerhin verständlich in der Landessprache. Welch ein Glück, direkt am Meer mit netten Nachbarn in der Nähe, die aus verschiedenen Ländern Europas hierhin angereist waren. Schnell stellte ich fest, dass ich ein Top-Los gezogen hatte, denn die meisten der Camper schienen Stammgäste zu sein. Leicht entwickelte sich der Kontakt, schon allein beim Aufbau meiner Markise war gleich Hilfe zur Stelle. Und schon plauderte man über mehr, bis wir am Abend im kleinen Restaurant des Campingplatzes von Agay saßen und – im sicheren Abstand zur Heimat – alles besprachen, was uns unter den Nägeln brannte.

So vergingen drei wunderschöne Tage, in denen ich die Region teils intensiv mit dem Rad erkunden konnte. Mal die 10 Kilometer bis nach Saint Raphael mit einem Bummel durch die lebendige und inspirierende Hafenstadt, mal ein Ausflug zu den Stränden, an denen die Alliierten 1944 landeten und heute anhand von Fotos und erklärenden Texten der historische Verlauf der Invasion dokumentiert wird. Heute versammeln sich die Menschen der Region nicht nur um zu gedenken, nein, täglich wird die Kugel geworfen – es ist ein beliebter Ort um Boule zu spielen.

Liebend gern wäre ich noch ins Meer gesprungen, das mir vor meinem Lagerplatz verführerische Avancen machte. Doch 13 Grad schien mir zu frisch, zudem brauste der kühle Mistral immer stärker auf – und ich hatte genug zu tun die Markise zu retten. Am nächsten Morgen entdeckte ich einen kleinen Markt mit Händlern aus der Region, die alles anboten, was den Gaumen erfreut – Obst, Gemüse, Fisch, Vorspeisen und allerlei süße Genüsse. Ideal, denn ich konnte mich gut für die Rückreise mit Proviant eindecken und startete mit einem gut gefüllten Kühlschrank. Nicht ohne vorher in die Rezeption zu pirschen und eine Reservierung für den September vorzunehmen, in diesmal noch ausgefeilterem Französisch.  Denn zu diesem zauberhaften Fleckchen muss ich zurückkehren, sagte ich mir und mehr herausfinden, als in drei Tagen möglich war.

Am Ende kam ich aus der Frühlingssonne in den deutschen Wintereinbruch und fuhr die letzten Kilometer über schneebedeckte Straßen. Damit war’s ein bisschen wie damals. Denn da lag bei meiner Abreise zentimeterdick der Schnee auf dem Dach meines Renault 4. Diesmal mühte sich mein VW-Bus durchs Schneetreiben. Sicher ist: Das alte „on-the-road-Gefühl hatte mich wieder!