El Rocío: Tanzen bis zum Morgentau

Jedes Jahr feiern die Spanier im kleinen Dorf El Rocío in Andalusien ein buntes Pfingstfest zu Ehren der Heiligen Jungfrau. Fotos von Jörg Wenzel

Stolze Reiter und lachende Frauen auf geschmückten Planwagen: Alljährlich zu Pfingsten ziehen kilometerlange Karawanen durch den Coto Doñana, den größten Nationalpark Spaniens. Ihr Ziel: das 500-Seelen-Dorf El Rocío. Zu Ehren der heiligen Jungfrau wird dort gebetet, gefeiert und geflirtet. Zu erleben sind feuriger Flamenco und tiefe Religiösität – das alles vor einer Kulisse wie aus einem Western.

El Rocio Wallfahrt in Andalusien

El Rocio Wallfahrt in Andalusien

Rötlich schimmert der Horizont. Am Hang unter den riesigen Hochspannungsmasten steht ein alter Holzwagen mit großen weißen Rädern, festlich geschmückt, von Kerzen umrandet, im Zentrum ein Altar mit einer Heiligenfigur. Es ist still, Männer und Frauen jeden Alters bilden einen Halbkreis und starren ergriffen auf die Figur. Über den Gläubigen summt die Stromleitung. Dann ertönt die Stimme einer jungen Frau – ein Klagelied, ein Lobgesang, ein Gebet? Danach wieder Stille. Kurz danach setzt ein Mann mit rauer Stimme zum Gesang an, die Augen geschlossen, mit wogender Brust. Der Reigen abwechselnder Gesänge reißt nicht ab – so geht es bis spät in die Nacht.

P5130101

Stolze Reiter in Tracht

„Die Menschen besingen ihre Wünsche, Sorgen und Ängste oder sie bedanken sich ganz einfach“, beschreibt Juan aus Sevilla die Szene am Hang. Sie zeigen damit ihre tiefe Verbindung zu ihrer „hermandad, ihrer Bruderschaft und dem Bildnis der Heiligen Jungfrau. Mit einem rollenden Altar aus bemaltem Holz und massivem Silber, verziert mit Blumen und Insignien, pilgern die Wallfahrer jedes Jahr durch die „marismas“, die Sumpfgebiete entlang des Rio Guadalquivir nach El Rocío.

Juan gehört zu „Triana“, einer der ältesten Bruderschaften Sevillas. Er pilgert mit seinen Freunden in diesem Jahr zum 30. Mal die 80 Kilometer weite Strecke nach El Rocío. Juans Bruderschaft zählt rund tausend Mitglieder. „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft“, erzählt der 45-jährige Familienvater. „In den Bars von Sevilla schwärmen wir vom letzten Fest und freuen uns schon auf das Nächste.“ Kurz vor dem Start des Pilgerzugs sind die Mitglieder tagelang mit dem Schmücken der Planwagen, dem Bepacken der Landrover und Wohnwagen beschäftigt. Noch vor wenigen Jahren wurden Ochsen vor die Kutschen und Wägen gespannt – die Karawane glich dann den legendären Trecks im Wilden Westen.

Doch es hat sich auch sonst einiges verändert, seitdem Juan vor genau dreißig Jahren zum ersten Mal dabei war. Damals packte er und seine Familie das Nötigste zusammen und marschierte los, heute zieht bei vielen der halbe Hausstand mit. Gut ausgestattete Küche, Bad und Bett, hinzu kommen Lebensmittel und Spirituosen vom feinsten in Hülle und Fülle. „Die Leute sparen monatelang – in diesen Tagen darf es an nichts fehlen“, erklärt seine Frau Carmen.

Über ein Million Pilger nehmen an der Wallfahrt teil

Am nächsten Tag prasselt der Regen auf unser Zelt. „Meistens ist es um die 40 Grad heiß“, sagt Juan, „es regnet eigentlich nie.“ Ein Blick aus dem Zelt zeigt ein wahres Schlachtfeld: Ein Meer von Pfützen und schlammiger Boden erschweren den Aufbruch. „Wozu jetzt weitermarschieren?“ zischt es uns durch den Kopf. Sevilla ist eine attraktive Großstadt und nur knapp 20 Kilometer entfernt. Doch für jeden Wallfahrerwäre allein dieser Gedanke ein Verrat.

Verrat an der „Reina de los Marismas“, der Marienstatue. Immerhin ist die Wallfahrt nach El Rocío eine der ältesten Marienwallfahrten im christlichen Abendland. Jedes Jahr machen sich über eine Million Teilnehmer aus ganz Spanien auf den Weg in den kleinen Ort im Süden Spaniens, um der Jungfrau von Rocío Ehre zu erweisen. Die Marienstatue wurde angeblich im 7. Jahrhundert in den nahen Sümpfen gefunden.

Am nächsten Tag scheint die Sonne vom blauen andalusischen Himmel. Schnell klettert das Thermometer auf 30 Grad. Jetzt quält sich die immer dichter werdende Karawane durch den tiefen Sand, der aufgewirbelte Staub macht das Atmen schwer. Der Weg führt über die „Raya Real“, den ersten Abschnitt der Dünenlandschaft mit ausgedehnten Pinienhainen im Nationalpark nahe der Costa de la Luz. Immer mehr stolze Caballeros mit schwarzen Sombreros, Cowboy­stiefeln und imposanten Lederschürzen reiten die breite Avenida entlang, verweilen kurz bei einer bekannten Gruppe, trinken ein Glas Sherry und genießen sichtlich ihre Stellung auf dem hohen Ross. Dann geben sie ihrem schnaubenden Hengst wieder die Sporen und reiten durch den knöcheltiefen Sand ihrem Ziel entgegen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Flirten hoch zu Roß

„Die vielen Pausen finden nicht nur wegen der Tiere statt“, bemerkt Juan mit schelmischem Blick. „Man braucht die Zeit fürs Flirten.“ Wenn anmutige Señoras mit streng zurück­gekämmten Haaren, weißen Rüschenblusen, langen weiten Röcken und hohen Lederstiefeln ihre Arme zum Sevillana ausfahren und dem männlichen Gegenüber am Wegesrand tief in die Augen schauen – dann ist das ein Vorgeschmack auf die dreitägige Fiesta nach der Ankunft in El Rocío.

Nach dem langen Ritt ist nur noch Fiesta

Bald ist am Horizont die Silhouette des ganz in weiß schimmernden Ortes El Rocío zu erkennen. Der rollende Altar mit dem Bildnis der Heiligen Jungfrau wird auf der Brücke davor angehalten. „Viva la Virgen!“ singen die Mitglieder der Bruderschaft. Männer und Frauen bringen ihre Körper in Tanzpose, die Menge klatscht, stampft im Takt und ruft „Olé“. Einem ungeschriebenen Drehbuch gleich zieht die Karawane weiter in Richtung der weißen Wallfahrtskirche. Dort wird auf dem großen Platz vor dem Hauptportal jede einzelne Bruderschaft willkommen geheißen.

Stundenlang ziehen die geschmückten Wagen an der „Virgen del Rocío“ vorbei. Unaufhörlich ertönen Gesänge, eine Lautsprecherstimme kündigt die Ankunft der nächsten Bruderschaft an.

Wie in einer Loge sitzt die feine Gesellschaft derweil auf den Balkonen ihrer Häuser und beobachtet bei einem Glas Sherry huldvoll das Geschehen. Denn wer in Andalusien etwas auf sich hält, besitzt in El Rocío ein eigenes Anwesen oder mietet für bis zu 6000 Euro eine Residenz für drei Nächte; genau genommen sogar nur für zwei, denn heute strebt das Spektakel seinem Höhepunkt entgegen, in einer Nacht, in der niemand schläft.

Mehr Information
Spanisches Fremdenverkehrsamt Berlin
Telefon: (0 30) 8 82 65 43
www.e-spain.info

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.