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“Mir war einfach nach Horizont”

Eigentlich kann ich ja von überall aus arbeiten, sagte ich mir und zog für fünf Tage in ein Schwimmendes Haus an die Ostseeküste nach Rügen, genauer gesagt nach Lauterbach bei Putbus. Mir war einfach nach Horizont zumute. Haus Nr. 4 “Hornfisch”, an Steg 1, 49 Quadratmeter mit Küche und kleinem Schlafzimmer. Eine kuschelig-wohnliche Atmosphäre mit dezenter Weihnachtsdeko empfing mich, der angenehme Geruch der Bodendielen aus Ahornholz ließen mich gleich zuhause fühlen, während draußen der eisig-kalte Ostwind über das Meer strich und das Bodden-Wasser zu kleinen Wellen kräuselte.

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An Steg 1 liegen sie – Wassermann, Nixe, Hornfisch etc. ….

Ich sah die Hafenarbeiter die letzten Segelyachten aus dem Wasser kranen, das Unterschiff kärchern um es von Algen zu befreien und sah, wie sie dem immer eisigeren Wind trotzten. Ich hingegen recherchierte nach Inhalten für meine Berichte, telefonierte, solange es das schwache Netz auf dem Wasser zuließ – und versuchte der ständigen Mailflut dank funktionierendem Wlan Herr zu werden.

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Die meisten der Segelyachten stehen in Reih und Glied an Land

Schnell ist der Vormittag verflogen, es folgt ein kurzer Spaziergang zum Hafen, hin zur Fischerei-Genossenschaft. Brathering mit Zwiebeln lautet das heutige Angebot. Zu wenig, ein Mattjes-Brötchen kommt noch hinzu. Während ich den frischen Fisch genieße, fegt eine Handvoll Gelegenheitsarbeiter das restliche Herbstlaub zusammen und häuft kleine Hügel an, die sogleich vom Wind zerstoben werden. Der Weihnachtsbaum inmitten den gepflasterten Hafenplatzes wirkt deplaziert, bei jeder Böe schwankt er hin und her. Nach der Mahlzeit zieht es mich schnell wieder zurück an den Schreibtisch.

Eine Entenfamlie zieht an meinem Fenster vorbei auf der Suche nach einem sicheren Plätzchen. Eisschollen bilden sich rund um das auf einem Photon liegenden Haus. Ein Baggerschiff vertieft die Fahrrinne im Hafen. Der Wind pfeift unablässig und laut. Schon bald ist es kurz nach vier und um halb fünf ist es dunkel. In der Ferne tuckert der Motor des Schiffes, das wie jeden Tag pünktlich loslegt und Kurs nimmt auf die gegenüberliegende Insel Vilm, um die Klimawissenschaftler der Internationalen Naturschutzakademie abzuholen.

Zeit für mich, durch etwas Bewegung neue Inspiration zu tanken. Eingepackt in die warme Daunenjacke laufe ich über den Steg zur Rezeption, richte ein paar grüßende Worte an Robby, den Segellehrer, der gerade eine neue Kabelwinde in die Lenkung eines Bootes schraubt. Am anderen Ende der Bucht erstrahlt das Badehaus Goor in vorweihnachtlichem Glanz, bis zur Bäckerei im Hafen ist es noch ein gutes Stück zu laufen.

Vorbei an dem Mastenwald der aufgebockten Segelyachten, die im Wind einen heulend-kreischenden Ton von sich geben. Peter Pan, Eisbär, Marmalade – sie alle können es wohl kaum erwarten bis sie wieder hinaus aufs Meer und ihre Segel in den Wind stellen können.

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In der Bäckerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein

In der Bäckerei ist die Zeit stehen geblieben. Die frischen knusprigen Brötchen gibt es aus einem Wäschekorb aus Plastik, den Gewürzkuchen vom Blech. Gesprochen wird kaum, keine Schnörkel, kein Getue. Ich muss an mein Thema denken: Personalisierung im Onlinehandel – warum der Service im E-Commerce so wichtig ist.

Der Service in Lauterbach ist jedenfalls anders, und wird es vorerst wohl auch bleiben, so viel steht fest. Nach Kuchen und Kaffee fühle ich mich gestärkt für weitere zwei bis drei Stunden Schreibtischarbeit. Im Hafen bei dem großen Kran ist es jetzt still geworden, überhaupt schlummert die Bucht nun einsam und winterverschlafen vor sich hin. Nur wenige Gäste bewohnen die übrigen Häuser.

Wie gut, dass ich hier auf meiner schwimmenden Insel arbeiten kann, sonst schlüge mir vielleicht irgendwann das unablässige Pfeifen des Windes aufs Gemüt. Morgen soll der Wind ohnehin abflauen, sagt der Wetterbericht. Oder fehlt er mir dann etwa?
Wie auch immer, es war eine willkommene Abwechslung vom immer gleichen Büroblick in München. Sicher komme ich bald wieder, doch dann dürfen die Tage ruhig etwas länger sein und die Natur etwas erwachter.


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