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Die Piazza Unità d'Italia

Triest – eine Stadt, die das Herz berührt

Egal ob gut vorbereitet oder gar nicht – wer nach Triest reist wird es nicht bereuen. Vielmehr wird er angetan sein von den Menschen und dem Charme der Stadt. Es ist ein ganz besonderer Flair, der durch die Straßen, Gassen und über die Plätze weht. Es kann das Herz berühren.

Viel wussten wir nicht über die Stadt an der Adria, nur bruchstückhafte Eigenschaften. Grenzstadt, Umschlagplatz für Kaffee, verblichener Glanz der Habsburger Zeit – so etwas. Triest lag auf dem Weg nach Kroatien und könnte eine gute Zwischenstation sein, dachten wir und quartierten uns etwa 20 Kilometer vor den Toren der Stadt auf einem Agriturismo-Campingplatz ein, den wir im Netz ausfindig gemacht hatten. Sehr hübsche kleine Parzellen mit viel Schatten, sehr freundlicher Empfang der Besitzerin, nur nachts rauschten die Güterzüge über die nahe gelegenen Gleise – aber irgendwann gewöhnt man sich dran, nahmen wir die Störung pragmatisch.

Heimisch vom ersten Moment an

Gut war, dass wir gleich im Büro des Agriturismo das Ticket für den Bus ins Centro buchen konnten, hin und zurück für etwas mehr als fünf Euro. Das wäre bei uns undenkbar, verbuchten wir das gute Angebot im italienischen Nahverkehr als klaren Vorteil. Auf die Minute pünktlich schaukelten wir im Bus an der Küste entlang, durch kleine belebte Orte und immer wieder den freien Blick aufs Meer. Bis sich der Bus nach etwa 45 Minuten dem Zentrum näherte. Der sehnlichste Wunsch: Jetzt einen Cappuccino am liebsten auf einer schönen Plaza schlürfen. Wenige Straßen weiter erreichten wir einen solchen Ort und genossen den Capo in vollen Zügen. Dabei ließen wir uns vom regen Treiben der Menschen unterhalten und sahen fasziniert den lebendigen Gesprächen in den Cafés, vor dem Geschäften, auf den Bänken unter den Platanen zu. Angekommen, dachten wir und fühlten uns wohl.

Kleiner Rundgang mit Highlights

Es gibt diese Ankünfte in fremden Städten, bei denen man sich schnell heimisch fühlt, so als würde das alles ideal passen. So als atme man die richtige Luft, als würde man die Sprache der Menschen selbst sprechen, als wäre einem die Stadt vertraut. Dieses Gefühl machte sich bei uns breit und trieb uns auf unserem weiteren Weg durch die Stadt. Alles war so leicht und unbeschwert – der Weg über die PiazzaUnità d’Italia, jenem großen weitläufigen Platz, der sich zur Uferpromenade und zum Hafen hin öffnet, entlang am Canale Grande der einen Hauch venezianisches Erbe versprüht über die Cattedrale di San Giusto, der  Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert, die von der Spitze des Glockenturms einen imposanten Blick über die Stadt freigibt hin zum römischen Amphitheater, durch dessen Ruinen wir spazierten und uns in eine Szenerie von vor 2000 Jahren zurückversetzten.

Gelateria mit nostalgischem Charme

In all unseren kleinen Konversationen mit einheimischen in radebrechendem italienisch mit spanischen und französischen Sprengseln darin, erlebten wir eine unfassbare Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Nicht einmal fragen mussten wir, man sprach uns an an: „Are you lost?“ Und schon bekamen wir die perfekte Erklärung des Weges und manchmal noch einen Gratis tipp dazu: Genau diesen hatten wir uns besonders gemerkt: eine Eisdiele am Hafen. Wir fanden das  „Il Pinguino“, in einem eher unscheinbaren kleinen Gebäude und setzten uns an einen Tisch mit Blick auf die Mole und die dort liegenden Schiffe. Beim Betreten der etwas in die Jahre gekommenen Gelateria überwältigte uns das riesige Angebot an Eissorten, das in speziellen Kübeln angeboten wird. Eine Kugel so groß wir zwei zu einem sehr moderaten Preis. Das Schlemmen des Eises birgt die Gefahr, dass man nicht mehr aufhören mag, so probieten wir uns durch mehrere Sorten und mussten uns ermahnen aufzuhören. Für uns stand fest: Das Beste Eis aller Zeiten mit einem Ambiente, das geradezu die Idealbeschreibung von Urlaub wäre.

Der Weg zurück zur Bushaltestelle fiel uns schwer, weil wir immer wieder neues entdeckten und fasziniert waren vom langsam aufkommenden Feierabend- und Ausgehflair. Das nächste Mal, so unser fester Vorsatz, nehmen wir uns ein Hotelzimmer und erleben Triest bei Nacht…

Münster: Warum der Wochenmarkt das Herz der Stadt ist

Man kennt die „Leetze“ als Aushängeschild für die Fahrradstadt, die Käfige der Wiedertäufer am Lambertikirchturm, den Friedenssaal des Rathauses und sogar die TV-Kommissare der Stadt. Doch eigentlich ist es der Wochenmarkt, der die Westfalenmetropole in besondere Weise prägt. Einmal seinem Flair erlegen, kommt man nicht mehr davon los.

Samstag, 4. Juli 2015. Wenn ich wie heute morgen um halb sieben in aller früh über das Kopfsteinpflaster des Wochenmarktes schreite, überwältigen mich die Erinnerungen an meine Heimatstadt. Schon als Schüler schlug das Herz höher, wenn ich mich dem Platz vorm Dom näherte und bereits aus der Ferne die Rufe der Marktleute hörte, ihre oft witzigen Anpreisungen von Obst, Gemüse, Blumen, Käse oder Kuchen. Immer originell, selten langweilig und die Ware nie zu teuer.

Doch ich verband mit dem Wochenmarkt mehr als nur das reine Marktgeschehen. Das Herz schlug auch höher, weil es ja sein konnte, dass ich sie wieder traf. Meine heimliche Liebe vom Mädchen-Gymnasium. Seit unserem ersten Treffen, rein zufällig entstanden und im benachbarten Cafe Kleimann geendet, hoffte ich sie wiederzusehen. Seither war der Wochenmarkt eine echte Herzensangelegenheit.

Die gute Stube Münsters - der Prinzipalmarkt
Die gute Stube Münsters – der Prinzipalmarkt

Und so war es auch heute, mehr als 30 Jahre später. Immer noch ist es prickelnd – vergangenes vermischt sich mit neuem. Der Wochenmarkt schafft es immer wieder besondere Stimmungen zu erzeugen. Hier entstehen sie, werden gehegt und gepflegt, nehmen ihren Lauf und kehren in irgendeiner Form immer wieder zurück. Ein Magnet, ein wenig Droge. Ein ganz eigener Ort der Begegnung. Man trifft sich, spontan oder verabredet, man redet mit der Marktfrau, mit den Wartenden am Stand, tauscht sich aus, erkennt sich wieder, findet sich neu – damals wie heute.

Eigentlich gehöre ich ja schon lange nicht mehr dazu, und trotzdem bleibe ich immer ein Teil dieses Marktes. Das ist mir heute wieder klar geworden. Vielleicht auch deshalb: Da stand er immer noch – der schon in die Jahre gekommene Käseverkäufer mit seinem verschmitzten Grinsen, der mich einst mit ein paar Scheiben frischem Gouda nach einer Partynacht verköstigte, als wisse er genau, wie es heute um mich bestellt ist. Seine Kinder und Enkelkinder verkaufen jetzt die Käsespezialitäten aus nah und fern. Aber dabei sein wird er weiterhin, weil auch er dazu gehört und stolz darauf ist, Teil dieser einzigartigen allsamstäglichen Szenerie zu sein. Eine Szenerie, die an kaum einem anderen Stand so stimmungsvoll ist wie an diesem. Nirgens ist die Menschentraube so riesig, das Verkaufsgespräch so unkonventionell.

Schon um 6 Uhr öffnet der Münsteraner Wochenmarkt
Schon um 6 Uhr öffnet der Münsteraner Wochenmarkt

Ob beim Reibekuchen-, beim Backfisch-, beim Lakritz- oder beim Kaffeestand – gequatscht wird überall und schnell ist man auf dem neuesten Stand: „Marktschreierei“ sei neuerdings nur noch „in der letzten Stunde“ erlaubt, so wird gemunkelt. Andere schwärmen von den tollen mediterranen Dips, die es natürlich zum Probieren in Hülle und Fülle gleich hinter den Kräuterständen gibt. Und der Capuccino direkt vorm Dom – sein Aroma ist schon ziemlich klasse, da sind sich die meisten einig …

Ich weiß nur eins: Wäre ich bei einem Münster-Besuch nicht dort gewesen, der Besuch wäre nur halb so intensiv. Der Wochenmarkt ist nämlich eine Herzensangelegehenheit.

Das Cafe Kleimann hat nach wie vor Kultstatus...
Das Cafe Kleimann hat nach wie vor Kultstatus…